Die neue DIN 1988-200 – entspricht sie wirklich in allen Punkten den allgemein anerkannten Regeln der Technik?

Wohl kaum, denn in einigen Punkten spiegeln sich heutige Kenntnisse und Anwendungsfälle nur unzulänglich bzw. gar nicht wider.

Die Technischen Regeln für Trinkwasser-Installationen sind in der nationalen Normung neu gefasst worden, um die für den deutschen Anwenderkreis erforderliche, über die der Europäischen Norm DIN EN 806-2:2005-06 „Technische Regeln für Trinkwasserinstallationen – Teil 2: Planung“ hinausgehende Normungstiefe zu erlangen sowie die aus dem Jahr 1988 stammende, längst nicht mehr dem Stand der Technik entsprechende DIN 1988-2 zu ersetzen. – Doch ist damit alles in bester Ordnung?

Wohl kaum, denn in einigen Punkten spiegeln sich heutige Kenntnisse und Anwendungsfälle nur unzulänglich bzw. gar nicht wider.

Ein Beispiel:

Unter Punkt 3.6 – Betriebstemperatur ist in der DIN 1988-200 Folgendes ausgeführt:

„Die Temperatur des Trinkwassers kalt darf bei bestimmungsgemäßem Betrieb maximal 30 s nach dem vollen Öffnen einer Entnahmestelle 25 °C nicht überschreiten …“

Damit wird darauf abgezielt, dass innerhalb möglichst kurzer Zeit nach dem Öffnen einer Entnahmestelle kaltes und hygienisch einwandfreies Wasser austritt.
Man sollte meinen, dass die ultimative Voraussetzung dafür eine recht kurze Einzelzuleitung bzw. Stichleitung mit geringem Wasserinhalt ist.

Doch wenn man sich mit dieser Thematik näher beschäftigt, kommen so gewisse Zweifel an der Sinnhaftigkeit der o. a. Vorgabe auf. – Also spielen wir das Ganze einfach einmal durch.

An einer Mischbatterie für eine Brausewanne werden, sagen wir mal, 0,15 l Kalt- und 0,15 l Warmwasser pro Sekunde entnommen.
Nach 30 Sekunden darf das an der Mischbatterie ankommende Kaltwasser eine Temperatur von maximal 25 ° C haben – vorher halt u. U. deutlich darüber.
Wer jetzt 30 Sekunden außerhalb der Duschkabine ausharrt oder innerhalb stehend die Luft anhält, um keine humanpathogenen Keime einzuatmen, verplempert eben mal ganz locker jeweils 4,5 l Kalt- und Warmwasser. Unter der Annahme eines Leitungsquerschnittes von 15 mm (DN 15 – Leitungsinhalt rd. 0,18 l/m) bedeutet dies, dass der Inhalt von 25 m langen Leitungsabschnitten ausgetauscht wird.

Und jetzt stellen Sie sich einmal vor, was in einem 25 m langen Kaltwasser-Leitungsabschnitt mit über 25 °C warmem Wasser abgeht. – Da leben die Legionellen in Saus und Braus, vermehren sich mit wachsender Begeisterung und begeben sich von dort aus lustig auf Wanderschaft ins übrige Leitungsnetz!

Überhaupt darf hinter die 25 °C als Maximalwert für die Temperatur von Kaltwasser ein ganz fettes Fragezeichen gesetzt werden.
So ist jedenfalls in Fachkreisen doch längst bekannt, dass die Vermehrung von Legionella pneumophila im Bereich zwischen 15 und 18 °C beginnt, zwischen 20 und 22 °C linear ansteigt und schließlich ab 25 bis etwa 45 °C exponentiell steigend verläuft. – Ein Grenzwert von 19 °C wäre somit durchaus angebracht!

Und noch ein paar Anmerkungen:

Einsprüche zu der im Entwurf, d. h. der Vornorm der DIN 1988-200 enthaltenen Tabelle 8 haben sich offensichtlich nicht niedergeschlagen.
So wurde z. B. bezweifelt, dass eine nicht als Wärmedämmung definierte Rohr-in-Rohr-Installation eine 4 mm dicke Dämmung ersetzen kann. – Nach der Norm soll dies aber der Fall sein!?

Hinsichtlich in Fußböden in Verbindung mit Fußbodenheizungen verlegten Trinkwasserleitungen kalt erschöpft sich die neue DIN 1988-200:2012-05 leider nur im Kleingedruckten (Fußnote b in der v. g. Tabelle 8) mit der Aussage, dass die Anforderungen gem. dem bereits eingangs eingehender „unter die Lupe genommenen“ Punkt 3.6 einzuhalten sind.
Dies ist nicht nur verwunderlich sondern stimmt auch bedenklich, denn im Entwurf der DIN 1988-200 war der Wortlaut immerhin noch folgender:

„In Verbindung mit Fußbodenheizungen ist die Verlegung von Kaltwasserleitungen im Fußbodenaufbau aus hygienischen Gründen zu vermeiden.“

Man darf nun darauf gespannt sein, welche Fußbodenaufbauten kreiert werden, um die magischen 25 °C in Kaltwasserleitungen unterhalb von Fußbodenheizungen nicht zu überschreiten. – Quod esset demonstrandum!

Die Problematik hinsichtlich im Wandbereich in Verbindung mit Wandheizungen verlegten Trinkwasserleitungen kalt wird explizit sogar in keinster Weise angesprochen, obwohl Wandheizungen in den letzten Jahren vermehrt zum Einsatz gekommen sind und ihre Verbreitung vermutlich noch zunehmen wird.
Wer diesbezüglich Rat sucht, findet lediglich allgemein gehaltene Formulierungen unter Punkt 14.2.6 – Dämmung und Umhüllung von Trinkwasserleitungen, wie z. B.

„Trinkwasserleitungen kalt sind vor Tauwasserbildung und vor Erwärmung bei erhöhten Umgebungstemperaturen zu schützen“

und

„Rohrleitungen mit Kontakt zum Baukörper (z. B. unter Putz, in Estrichkonstruktionen oder innerhalb von Vorwandtechnik verlegt) sind mindestens mit einer Umhüllung (z.B. Rohr-in-Rohr-Führung) nach 14.2.1 zu versehen“.

Nun mag man sich damit trösten, dass

1. DIN-Normen nicht zwangsläufig mit den allgemein anerkannten Regeln der Technik identisch sind, denn nach einer Entscheidung des BGH vom 14. Mai 1998 – VII ZR 184/97 sind DIN-Normen lediglich private technische Regelungen mit Empfehlungscharakter,

2. die allgemein anerkannten Regeln der Technik über die allgemeinen technischen Vorschriften, wozu auch die DIN-Normen gehören, hinausgehen,

3. bezüglich gültiger DIN-Normen lediglich die Vermutung besteht, dass sie den allgemein anerkannten Regeln der Technik entsprechen,

4. die v. g. Vermutung widerlegbar ist, da in den Normenausschüssen auch Interessenstandpunkte vertreten werden

und

5. Normen nicht immer dem aktuellen technischen Kenntnisstand entsprechen und nicht immer Regeln beinhalten, die sich langfristig bewähren oder bewährt haben;

das hilft einem jedoch in ganz speziellen Fällen auch nicht viel weiter.

Im Fall des Falles ist man mehr denn je auf breites, fundiertes Wissen und den gesunden Menschenverstand angewiesen, um die sinnvollste Entscheidung zu treffen bzw. Maßnahme zu ergreifen.

Zu warnen ist jedoch vor sogenanntem „gefährlichen Halbwissen“ und unreflektiertem Zurückziehen auf normative Vorgaben, denn es ist leider nicht alles Gold was glänzt.