Legionellenschaltung – Hält sie wirklich das, was sie verspricht?

Über Legionellenschaltungen wird die Temperatur in Trinkwasserinstallationen warm turnusmäßig hochgefahren. Ziel ist die Abtötung von für den Menschen gefährlichen Keimen, insbesondere Legionellen.
Doch sind Legionellenschaltungen wirklich zielführend oder erreicht man eher das Gegenteil?

Menschen, die sich diesem Thema noch nicht genähert haben, wähnen sich mit derlei technischen Einrichtung in Sicherheit.

Doch betrachten wir die Thematik mal etwas genauer:

Legionellen und andere für den Menschen gefährliche Keime befinden sich selbst in sogenanntem hygienisch einwandfreiem Trinkwasser, werden sozusagen vom Wasserversorger im Rahmen der zulässigen Grenzwerte ganz legal frei Haus geliefert.
Diese frei im Wasser treibenden „suspendierten Spezies“ sind allerdings nicht krankheitserregend, weil sie (noch) keinen Stoffwechsel haben. Auch sind sie (noch) nicht vermehrungsfähig. Und: Sie sind nicht kultivierbar, was die Nachweisbarkeit erschwert.
Krankheitserregend sowie vermehrungsfähig und damit wirklich gefährlich werden sie erst, wenn sie sich in Biofilmen einnisten, denn dann werden Gene aktiviert, die die Keime im gewissen Sinne zum Leben erwecken.

Die Chancen hierfür stehen sehr gut, denn Biofilme gibt es in jedem Wasser befüllten Behältnis, d. h. auch den Leitungen von Trinkwasserinstallationen.

Die Ursachen für die Bildung von Biofilmen in Trinkwasserinstallationen sind vielfältig.

  • Schon vor und während der Montage können die Installationsmaterialien verunreinigt worden sein.
  • Die Verwendung bioverwertbarer Materialen wie Gummi (z. B. in Membrandruckausdehnungsgefäßen), Fetten, Hanf aber auch einigen Kunststoffen (insbesondere EPDM) leistet der Biofilmentstehung Vorschub.
  • Durch Luftkontakt und retrograde, d. h. rück- bzw. gegenläufige Kontamination (z. B. bei Strahlreglern, auch Luftsprudler oder Mischdüse genannt) werden biofilmbildende Keime eingeschleust.
  • Über das zentrale Versorgungsnetz besteht im Rahmen der zulässigen Keimzahlen eine ständige Invasion.
  • Bei Nichtbeachtung der DIN EN 1717 und DIN 1988-100 dringen Keime durch Rückfließen und retrograde Kontamination in das Leitungsnetz ein.

Hinweis:
Retrograde Kontaminationen haben ihre Ursache häufig in aus einem Syphon oder verschmutzten Waschbecken (zurück)spritzendem Wasser, einem Berühren des Wasserauslaufs mit den verunreinigten Händen, insbesondere aber im Putzen von Ausläufen mit verschmutzten Putztüchern oder -lappen.

Zurück zum Biofilm. – Ein Biofilm ist gewissermaßen ein Organismus. Und man glaubt es kaum, er besitzt eine „intelligente“ Struktur. In sich selbst und mit seiner Umgebung finden kollektive Wechselwirkungen statt.
Gegenseitig werden Nährstoffe dargeboten und Schutz gewährt. Neben einer hohen Existenzdynamik herrscht auch eine hohe Existenzstabilität. Biofilme sind temporär autark.

Neben der Existenz von Biofilmen ist im Hinblick auf die Vermehrung von Keimen die Temperatur des Wassers ausschlaggebend.

Legionellen z. B. sind bis 12 °C nicht willig, sich zu vermehren. Im Bereich zwischen 15 und 18 °C setzt die Vermehrung ein, die dann zwischen 20 und 22 °C linear ansteigend ab 25 °C exponentiell verläuft und bei etwa 36 °C ihren Höhepunkt erreicht.
Erreicht die Wassertemperatur 55 °C wird die Vermehrung eingedämmt, d. h. die Legionellen sind nicht mehr willig. Werden die Legionellen etwa 3 bis 4 Stunden einer Temperatur von 55 °C ausgesetzt, findet eine Devitalisierung statt. Nach 1 bis 2 Stunden bei 60 °C oder kurzzeitig 70 °C werden Legionellen abgetötet.

Hört sich gut an, mag man meinen, aber jetzt kommt der Haken:

Das mit der Devitalisierung und Abtötung gilt nur für suspendierte und unkonditionierte, d. h. die frei Haus gelieferten, noch nicht aktivierten Legionellen!

Hinzu kommt: Man darf Legionellen nicht unterschätzen! – Sie sind nämlich lernfähig und kleine Verwandlungskünstler.

Rückt man aktiven Legionellen mit hohen Temperaturen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Pelle, senden sie Warnsignale aus, die bis in die hinterste Ecke der Trinkwasserinstallation dringen.
Sofern den gewarnten Legionellen genug Zeit bleibt – was in der Regel der Fall ist – können sie sich durch das Aktivieren von Genen in eine Art Winterschlaf, den sogenannten VBNC-Zustand (Viable But Non Culturable) begeben und so den „Heißwasserangriff“ überstehen.
Einmal so „in die Schule gegangen“ wissen sie: Immer wenn die Temperatur ansteigt, ist Verwandlung angesagt.
Und: Von Mal zu Mal werden die Legionellen unempfindlicher gegen erhöhte Wassertemperaturen!

Und noch etwas ist höchst erstaunlich: Amöben, die ebenfalls im Wasser vorkommen und zu deren Lieblingsspeise Legionellen zählen, sind bei steigender Wassertemperatur um ihre Nahrungsquelle so besorgt, dass sie blitzschnell alle Legionellen, denen sie habhaft werden können, vorsichtshalber verschlucken. – Nicht um sie zu verdauen, sondern um sie vor dem vermeintlich sicheren Tod zu bewahren, denn wenn die Gefahr vorüber ist, spucken sie die Legionellen wieder aus. Die Hülle der Amöben wirkt dabei quasi wie ein Hitzeschild und die Legionellen sind anschließend nicht nur putzmunter, sondern auch noch widerstandsfähiger.

Folglich schadet regelmäßiges Hochfahren der Temperaturen in der Trinkwasserinstallation nur neu angekommenen, noch nicht im Biofilm niedergelassenen und nicht konditionierten, im gewissen Sinne also den „dummen“ Legionellen. Alle anderen freuen sich schon auf das angesagte Fitnessprogramm!

Und die Quintessenz?

  • Bei Legionellen handelt es sich um eine fakultativ human-pathogene Spezies, d. h. nur unter gewissen Voraussetzungen krankheitserregende Art.
  • Um eine Human-Pathogenität zu erlangen, bedarf es immer idealer Vermehrungsbedingungen, d. h. Biofilmen, Stagnation des Wassers und „angenehmen“ Temperaturen.

Fazit:

Vordringliches Ziel einer hygienekonformen Trinkwasserinstallation muss in jedem Fall die Minimierung der Kontaminationsquellen und die Vermeidung idealer Replikationsbedingungen sein.

Bezüglich der Minimierung der Kontaminationsquellen sind folgende Grundsätze zu beachten:

  • Bei der Lieferung und dem Einbau von Installationsmaterialen ist zur Vermeidung von Verunreinigungen größtmögliche Sorgfalt walten zu lassen!
  • Bioverwertbare Materialien sind entweder nicht einzusetzen oder, z. B. beim Einsatz von Hanf und Fetten, so zu verwenden, dass sie nicht in direkten Kontakt mit dem Wasser kommen!
  • Die Vorgaben der DIN EN 1717 sowie der DIN 1988-100 zum Schutz des Trinkwassers vor Verunreinigungen sind unbedingt einzuhalten!

Hinsichtlich der Vermeidung idealer Replikationsbedingungen sind zwei Dinge ausschlaggebend:

  • Stagnation, also das Nichtaustauschen des Wasserinhaltes eines Installationsabschnittes innerhalb von 8 – 72 Stunden ist unbedingt zu verhindern!
  • Kritische Temperaturen, d. h. Wassertemperaturen oberhalb von 18 – 20 °C und unterhalb von 55 – 60 °C sind unbedingt zu vermeiden!

Abschließend unsere Einschätzung zur Thematik Legionellenschaltung:

Das turnusmäßige Hochfahren der Warmwassertemperaturen über eine Legionellenschaltung bietet keine Gewähr für hygienisch unbedenkliches Trinkwasser warm.
Im Gegenteil, denn eine im Ernstfall erforderliche Thermische Desinfektion kann erschwert, u. U. sogar unmöglich sein, wenn die in der Installation vorhandene Legionellenpopulation bereits so „ertüchtigt“ ist, dass sie jedweden Temperaturangriff klaglos übersteht. – Vergleichbar ist dies mit dem ungehemmten Einsatz von Antibiotika, der zu Resistenzen der zu bekämpfenden Keime und somit letztendlich zu einer Unwirksamkeit des Medikaments führt.